Dampf ablassen!

Ärger abbauen. Frust loswerden. Darüber diskutieren.

nerv

Ich nerve

Hallo, ich habe ein Problem, was vermutlich schwer nachzuvollziehen ist, da man sich denken könnte, dann hör halt einfach auf damit. Aber das ist wirklich nicht so einfach für mich. Das ist, als würde man einem Trinker sagen; hör halt einfach auf zu trinken. Mein Problem ist: Ich nerve. und das schon seit meiner frühen Kindheit. Undzwar indem ich oft unglaublich albern bin. Und ich kann das nicht unterdrücken. Es ist wie ein Zwang.
Ständig fallen mir irgendwelche Witze ein, die manchmal echt lustig sind, meistens aber nicht. Und es sind auch oft die selben, die ich eh schon oft gebracht habe. Was mir mal wieder einfällt geht auch nichtmehr aus meinem Kopf, bis ich es gesagt habe. Als würde man ein Husten oder starkes Jucken unterdrücken wollen, das aber nicht aufhört, bis man gekratzt hat. Dabei sind meine Witze oft ziemlich flach und nur selten bringen sie Leute zum Lachen, ich finde sie meistens selbst nichtmal lustig.
Manche meiner Freunde sind genervt davon. Das war auch schon immer so. Manche Leute in der Schule mochten mich auch nicht deswegen. Besonders nimmt man mich dann auch nichtmehr ernst oder sieht mich als eine Person, die ich eigentlich nicht bin. Oder als dumm und unreif. Eigentlich will ich, dass Leute wissen, dass sie mir vertrauen und ernst mit mir reden können, aber wer vertraut einem albernen Menschen?
Wenn ich es doch schaffe, sie zu unterdrücken habe ich oft keine Gesprächsthemen mehr. Ich war auch früher beim Psychotherapeuten, eigentlich wegen Depressionen und Zwangsneurosen. Allerdings eher sowas wie Wasch- und Kontrollzwänge. Manchmal mache ich mir Gedanken darüber, ob meine Albernheit nicht auch ein Zwang ist, da sie sich vergleichbar anfühlt, aber darüber habe ich nichts zu lesen gefunden, dass sowas existiert.
Jedenfalls meinte mein Psychiater damals, dass meine Albernheit wohl so eine Art Mechanismus meines Unterbewusstseins sein könnte, um starke Unsicherheiten und tiefe Traurigkeit zu überspielen. und darin konnte ich mich wirklich Wiedererkennen. Wenn ich so drüber nachdenke, hat meine Albernheit sich entwickelt, als meine Eltern damals beide schwere Depressionen bekamen und die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Meine Kindheit war am Anfang ganz normal, aber später bin ich in einem Messi Haushalt aufgewachsen, mit einem Alkoholiker Vater und einer Depressiven Mutter und älteren Schwester, die alle samt gewalttätig mir gegenüber waren und ich hatte Angst vor meinem ,,zu Hause'' und meiner Familie. Und mich das alles ehrlich gesagt meine frühe Jugend über zu einem Absolut-Null-Selbstbewusstsein geprägt hat. Eigentlich wollte ich auch nie zu einem Psychiater aber wurde nach einem Suizidversuch zwangseingewiesen. Mit dem habe ich aber nur so oberflächlich und wenig wie möglich geredet, da ich ungern mit einer wildfremden Person von Angesicht zu Angesicht über mein intimstes Inneres rede.
Ich weiß auch nicht, warum ich das alles jetzt überhaupt erzähle. Vielleicht analysiere ich mich auch nur gerade selbst. Oder vielleicht hätte ich das doch alles mal meinen Psychiater damals erzählen sollen.
Jedenfalls war meine Albernheit immer das, was mich und meine ebenfalls albernen Grundschulfreunde zum Lachen gebracht hat. Und ich konnte irgendwie nie damit aufhören. Auch als junger Erwachsener nicht. Und ich hasse mich dafür. Ich nerve Leute und wirke wie ein Idiot. Aber, wenn meine Albernheit nicht da ist, dann fühle ich mich komplett orientierungslos, wie ich soziale Kontakte knüpfe und mit anderen in Kontakt trete. Ich nerve mich selber schon und hasse mich dafür. Ich will das Leute mich sehen als der Mensch, der ich bin: Jemanden der ihnen zuhören kann und dem sie vertrauen können und mit dem sie auch ernste Gespräche führen können. Mein engsten Freunde wissen das von mir. Aber ich weiß auch, dass ich nach Außenhin einfach nur wie jemand wirke, den ich selbst nicht leiden kann und ich wünschte, ich könnte einfach einen Schalter umlegen und von einem Moment auf den anderen nichtmehr so bescheuert sein. Ich habe auch angst, dass ich schon so stigmatisiert bin dass selbst, wenn ich jetzt von einem Moment auf den anderen nie mehr albern wäre, Leute mich trotzdem nicht ernst nehmen würden, wegen meiner albernen Vergangenheit.
Es klingt vielleicht nicht, wie ein großes Problem. Aber es ist für mich ein großes Problem, da ich andere Leute damit nerve aber ohne dies irgendwie garnicht das Eis brechen kann.

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Kommentare (3)

Teneriffa
★★

Mitglied [62]

Ich würde dir empfehlen wieder zum Psychologen zu gehen und ne Therapie zu machen
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Fluoreszenz

Liebe/r nerv,

wenn Du das hier noch liest… weißt Du, ich glaube – alles was wir tun, hat seinen Grund. Seine Ursache. Und ich glaube auch, dass jeder Mensch, der in einem problematischen Elternhaus aufgewachsen ist so wie Du, Überlebensstrategien entwickelt. Verhaltensweisen, die einen wichtigen Zweck erfüllen und die zu Rollen werden, die man nicht „einfach so“ wieder ablegen kann.
Da gibt es die Rolle des „Retters“, dessen Eltern wesentliche (emotionale) Dinge nicht gebacken bekommen haben und der schon viel zu früh die Rolle eines Elternteils übernehmen musste.

Den „Organisator“, naher Verwandter des Retters, dessen Kindheit ihn zu einem hervorragenden Netzwerker und Ausreden-Erfinder werden ließ, da auch hier die eigentlich Verantwortlichen ihre Aufgaben nicht erfüllen konnten.
Den „Zuhörer“ der kaum etwas von sich preisgeben mag und keine eigene Meinung hat, weil er nie eine haben durfte. Denn das bedeutete: Gefahr.

Und, Du wirst es ahnen – den „Clown“. Der in einem Umfeld wie dem Deinen, geprägt von Alkoholismus und Depressionen, seine Rolle perfekt spielte. Keine Probleme machte, sondern für gute Stimmung sorgte. Denn alles andere hätte ins Chaos geführt, alles noch schlimmer gemacht.
Ich glaube, Du hast durch Dein Umfeld „gelernt“, dass nur so zu kommunizieren Dir Sicherheit verschafft. DU als KIND hast die Bürde auf Dich genommen, hast Dich dafür verantwortlich gefühlt, die Stimmung Zuhause aufzuhellen. Obwohl das nicht Deine Aufgabe war. Doch dir blieb keine andere Wahl.

Deine Verhaltensweise passt Dir wie ein bequemer Schuh, sie gibt Dir Sicherheit, denn Du hast es tausendfach durchexerziert. Was ist harmloser als ein Witz? Was schützt Dich und Dein Inneres und Deine wahren Gefühle mehr als eine lustige, ablenkende Geschichte? Was vertreibt das Unbehagen, die Stille, vielleicht sogar die Ruhe vor dem Sturm besser als ein herausgekitzeltes, erlösendes Lachen?

Im Prinzip betreibst Du SmallTalk, eben nur in einer anderen „Sprache“. Du hast nie gelernt, ja, nie lernen KÖNNEN, anders zu kommunizieren, weil die Risiken zu hoch waren. Dafür kannst Du nichts!

Aber Du merkst selbst, dass Deine Sprache an ihre Grenzen gerät. Denn sie lässt nicht zu, dass andere Dich wirklich kennen lernen können. Sie nicht wirklich – ich nenne es mal „emotional sehen“ können, wer Du wirklich bist. Sich nicht mit Dir identifizieren können. Und das schürt Unbehagen, das Du dann wiederum wie im Reflex mit Witzen zu vertreiben versuchst.

Schau, Du warst in Deinem Leben schon so tapfer! Du hast überlebt, in jeder Hinsicht. Und das ist nicht einfach so „dahinleben“, das ist: den Schmerz aushalten, kämpfen, jeden Tag. Und dazu gehört eine Menge Kraft und Durchhaltevermögen. Und Mut! All das hast Du!

Ich möchte Dir ans Herz legen, nochmals den Weg zu einem Psychotherapeuten zu finden, denn diese Fachleute können Dir beim Kern des Problems helfen: herauszufinden, wer Du wirklich bist. Gib Dir die Chance, Dich selbst kennenzulernen. Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, nicht die der anderen. Etwas neues zu lernen: über Dich selbst offen zu reden und dabei erfahren, dass keine Gefahr droht.

Du schaffst das!
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Bernard
★★★★★

Mitglied [1594]

Also ich finde jemanden, der Witze macht, deutlich sympathischer als jemanden, der dauernd unfreundlich ist. Wenn es dich belastet, könntest du nochmal zu einem Therapeuten, da du die alberne Fassade als Schutzmechanismus benutzt. Vielleicht, weil du damals Zuhause ein negatives Umfeld hattest und deshalb außerhalb lachen wolltest oder, weil du nicht möchtest, dass jemand deine verletzliche Seite sieht? Naja, ich bin kein Psychologe. Zum Thema Eis brechen, wie reagieren die Leute denn auf deine Scherze? Scherze sind doch eigentlich viel besser, als gezwungener Smalltalk.
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